
Radikale Schocks sollen Europa wachrütteln
In der Morgendämmerung einer neuen Weltordnung steht Europa gespalten und verzagt da. So blickt der preisgekrönte Journalist Jamil Anderlini, Chefredaktor von POLITICO, auf den Kontinent. Wir verlieren uns in einem «narcissism of small differences», extreme Positionen – insbesondere des rechten Flügels – gewinnen an Zustimmung und Regierungen zerbrechen. Und während Europa kränkelt, ringt Xi Jinpings China mit den USA um die Vormachtstellung. Längst ist auch Europa in einem Kalten Krieg mit China gefangen. Die friedensverwöhnte Schweiz wird gegen ihre Instinkte handeln müssen, so Anderlini, denn harte Zeiten stehen bevor: «Europe and Switzerland need to prepare for a period where they will have to fend for themselves.» So könnte Trumps Wiederwahl der «radikale Schock» sein, der Europa wachrüttelt. Uns stehen zwölf Jahre Trumpianisches MAGA-Amerika bevor, und das bedeutet: Europa braucht ein eigenes Verteidigungssystem und es muss mit Massnahmen wie einer Bankenunion, Kapitalmarktunion und Deregulation international wettbewerbsfähig werden in einem beschleunigten Wirtschaftskrieg.
Wo steht die Schweiz?
Derzeit verhandelt die Schweiz mit Brüssel über die Modernisierung und Vertiefung der bilateralen Verträge («Bilaterale III»). Mit dem Verhandlungspaket sollen bestehende Abkommen zu Personenfreizügigkeit, vereinfachtem Handel, Verkehr und Landwirtschaft aktualisiert sowie neue Abkommen zu Strom und Lebensmittelsicherheit geschlossen werden. Ein dringend nötiger Schritt, findet Bundesrat Beat Jans. Unternehmer brauchen einfachen Zugang zum europäischen Binnenmarkt und Rechtssicherheit, die Wirtschaft der Schweiz ist angewiesen auf Zuwanderung. Der Erfolg der Schweiz sei auf Bündnisse zurückzuführen, nicht auf eine Politik der Abschottung, so Jans.
Unternehmerische Herausforderungen und Chancen
Bei einer engeren Anbindung an die Europäische Union scheiden sich die Geister. Im abschliessenden Podiumsgespräch diskutierten Simon Michel, CEO des MedTech-Unternehmens Ypsomed und Nationalrat, sowie Marco Sieber, Mitinhaber der Sieber Holding AG, über die laufenden Verhandlungen und warfen damit ein Schlaglicht auf die Situation der Schweiz in der internationalen Gemengelage. «Wir, die wir noch in der Schweiz geblieben sind, brauchen Zugang in die Union durch diese Verträge», betonte Simon Michel. Da 75 % aller Schweizer Produkte reguliert sind, würde eine Erosion der bilateralen Abkommen einen Grossteil der heimischen Unternehmen schwer treffen, weiss Michel aus eigener Erfahrung. In den Bilateralen III sieht er den Schlüssel für die langfristige Prosperität der Schweizer Wirtschaft. Dagegen sprach sich Marco Sieber, der mit seinem Unternehmen weltweit tätig ist, für eine dynamische Rechtsübernahme durch die Schweiz aus. Er warnte vor übermäßiger Bürokratie und sieht die Souveränität der Schweiz gefährdet: «Wir sollten ein starker Partner der EU sein, aber uns nicht herunternivellieren». Als kleiner Player solle die Schweizer besser auf viele globale Freihandelsabkommen setzen.
Strategien für eine kompetitive Zukunft
Europa steht vor der Aufgabe, sich wirtschaftlich und politisch neu zu positionieren. Den Fliehkräften innerhalb der Union steht das Commitment zu geteilten Werten gegenüber – und das sichere Wissen, dass man trotz Differenzen als «nachbarschaftliche Schicksalsgemeinschaft» (Jans) zusammenhalten muss. Für die Schweiz wird viel vom Ausgang der bilateralen Verhandlungen abhängen – und dem Referendum, das fast sicher ergriffen werden wird, sobald man sich in Brüssel geeinigt hat. Mit Blick auf die Weltbühne spielen Unternehmen eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung einer zukunftsfähigen europäischen Wirtschaft. Zusammen mit der Politik müssen sie Verantwortung übernehmen und Differenzen überwinden, um ein starkes Europa zu formen.