
Wenn es darum geht, Europa zu stärken, richtet sich der Blick meist auf seine sichtbarsten und greifbarsten Bestandteile: auf seine Unternehmen, seine Nationalstaaten oder die Europäische Union, die sie verbindet. Dieser Fokus ist verständlich. Gerade im gegenwärtigen geopolitischen Umfeld treten die jeweiligen Schwächen und Herausforderungen immer deutlicher hervor.
Doch um Europa resilienter und wettbewerbsfähiger zu machen, reichen Haushaltsanpassungen und politische Reformen nicht aus. Es braucht einen grundlegenderen Ausgangspunkt – einen, der die notwendige Dynamik entfalten kann, um die Bestimmungsfaktoren europäischer Stärke wirklich zu beeinflussen: seine Bürgerinnen und Bürger.
Wie ein kluger Australier beim European Economic Forum 2025 sagte: Nichts ist mächtiger als eine mobilisierte Demokratie. In einer Zeit hybrider Bedrohungen, von Informationskriegen und anhaltendem systemischem Druck gewinnt dieser Satz strategische Bedeutung. Demokratische Mobilisierung ist nicht nur eine bürgerschaftliche Tugend, sondern eine Frage demokratischer Resilienz. Sie setzt eine Bevölkerung voraus, die sich ihrer eigenen Handlungsmacht bewusst ist – nicht nur, um politische Entscheidungen mitzugestalten, sondern auch, um gesellschaftlichen Zusammenhalt und Legitimität unter Belastung zu bewahren.
Dazu gehört die Bereitschaft, Komfort gegen Sicherheit abzuwägen, manipulativen Narrativen zu widerstehen und Vertrauen in öffentliche Institutionen aufrechtzuerhalten, selbst wenn unter Unsicherheit entschieden werden muss. Fehlt diese Widerstandskraft, drohen Europa strategische und politische Lähmung.
Wer Europa stärken will, muss daher bei seinen Menschen ansetzen. Demokratische Resilienz ist kein abstraktes Ideal, sondern eine Kraft, die aktiv gepflegt werden muss, um wirksam zu bleiben.
Das geht über zusätzliche Sozialleistungen oder Demokratieunterricht hinaus. Gefordert ist eine strukturierte gesellschaftliche Einbindung all jener, die über öffentliche Plattformen und Ressourcen verfügen: Politikerinnen und Politiker ebenso wie Unternehmen und Akteure der Zivilgesellschaft. Es gilt, lokale Initiativen zu stärken und ihnen die finanziellen wie organisatorischen Grundlagen zu geben, damit sie wachsen und Wirkung entfalten können.
Wer Europa stärken möchte, ohne diese demokratische Basis mitzudenken, behandelt Symptome statt Ursachen und baut institutionelle Kapazitäten auf einem brüchigen gesellschaftlichen Fundament auf.
Meine eigene Erfahrung kann dies verdeutlichen. Als ich 2020 mit zwanzig Jahren begann, mich in Schweden sicherheitspolitisch zu engagieren, waren meine Möglichkeiten äusserst begrenzt. Angebote gab es fast nur im Ausland – ohne erhebliche finanzielle Mittel kaum erreichbar.
Als ich versuchte, im Inland eigene Plattformen zu finden oder aufzubauen, zeigte sich schnell, wie gross der Aufwand war: fehlende finanzielle Ressourcen mussten kompensiert und renommierte Referentinnen und Referenten für ein Thema gewonnen werden, das damals als Nische galt.
Vier Jahre intensiver Arbeit und zahlreiche Reisen durch Europa waren nötig, bis genügend Dynamik entstand, damit staatliche Stellen und Unternehmen auf mein Vorhaben aufmerksam wurden. Heute unterstützen sie unsere Vereinigung, deren stellvertretender Vorsitzende ich bin, grosszügig beim Aufbau mehrerer dauerhafter Plattformen, die Hunderte junger Menschen in Schweden und darüber hinaus erreichen.
Konferenzen, Seminare und Delegationsreisen sind für sich genommen nichts Revolutionäres. Doch der Kontext, in dem wir sie einsetzen, und das Ambitionsniveau, das sie prägt, sind es durchaus.
Diese Ambitionen wären ohne die Unterstützung einflussreicher Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft nicht umsetzbar. Junge Menschen in ausreichender Zahl zu erreichen und sie lokal, regional oder national für demokratische Resilienz zu gewinnen, erfordert staatliche Finanzierung, Referentinnen und Referenten aus renommierten Thinktanks sowie Logistik und Veranstaltungsorte angesehener akademischer Institutionen.
Der Wert dieser zentralen Ermöglicher lässt sich kaum überschätzen. Wäre diese Unterstützung früher und in grösserem Umfang verfügbar gewesen, hätte sich unser Potenzial – und das vieler anderer engagierter Bürgerinnen und Bürger – deutlich stärker entfalten können. Demokratische Widerstandskraft als blosses Ideal zu behandeln, ist daher nicht nur ein demokratisches Versäumnis, sondern ein strategischer Fehler. Und diesen Fehler kann sich Europa in einer Ära dauerhaften globalen Wettbewerbs, systemischen Drucks und umkämpfter internationaler Normen schlicht nicht leisten.
Aron Roosberg ist stellvertretender Vorsitzender von YATA Sweden, Second Lieutenant in der schwedischen Armee und Bachelorstudent der Politikwissenschaft. Zuvor war er als Research Fellow beim Thinktank EPIS tätig und ist Alumnus des New Security Leaders Program sowie des Leadership-Programms „Value-Based Leadership“ der King’s Foundation for Young Leadership. Er engagiert sich aktiv dafür, das Interesse und die Beteiligung junger Menschen in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu fördern.