
Meinungsbeitrag
Europa leidet nicht an einem Mangel an Innovation. Doch obwohl es bei der wissenschaftlichen Produktion weiterhin zur Weltspitze gehört, bleibt es dort konstant zurück, wo es am meisten zählt: bei der Umwandlung von Wissen in Marktmacht.
Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten – und zunehmend auch zu China – gelingt es Europa nicht, starke Forschung in schnell skalierende globale Unternehmen zu überführen.
Das ist keine Frage von Talent oder Kapital. Es ist ein Strukturproblem. Europa hat sein Innovationsökosystem auf Entdeckung optimiert, nicht auf Umsetzung. Wenn Europa seine Position als globale Innovationsführerin stärken will, muss es nicht nur darüber nachdenken, wie viel es in die Wissenschaft investiert, sondern wie diese Investitionen strukturiert sind. Die notwendige Verschiebung: Europa muss aufhören, lediglich Geld in die Wissenschaft zu investieren, und beginnen, mit der Wissenschaft Geld zu verdienen.
Europas Innovationsparadox ist gut dokumentiert. Der Kontinent verfügt über Weltklasse-Universitäten, führende Forschungsinstitute und ein dichtes Netz wissenschaftlicher Talente. Laut dem Global Innovation Index der Weltorganisation für geistiges Eigentum dominieren europäische Länder die Spitzenplätze: Die Schweiz, Schweden, das Vereinigte Königreich und Finnland zählen zu den globalen Vorreitern. Europa stellt 15 der 25 innovativsten Volkswirtschaften der Welt.
Dennoch bleiben europäische Innovationscluster bei Risikokapital und Wachstumsfinanzierung hinter den Vereinigten Staaten zurück. Start-ups, die skalieren wollen, stossen auf fragmentierte Rechtssysteme, regulatorische Divergenz und weitgehend nationale Kapitalmärkte. Ein Unternehmen in Europa zu skalieren, fühlt sich oft so an, als würde man gleichzeitig 27 verschiedene Märkte betreten.
Diese Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und kommerziellem Wachstum wird gemeinhin als Europas «Scale-up-Lücke» bezeichnet. Doch der Begriff unterschätzt das Problem. Es fehlt nicht nur an Kapital; es fehlen Institutionen, die Verantwortung für die Umsetzung übernehmen.
Mehr öffentliche Investitionen in Innovation sind notwendig – aber nicht hinreichend. Ohne agile, umsetzungsorientierte Institutionen riskiert zusätzliche Finanzierung, bestehende Ineffizienzen zu zementieren.
Der Europäische Innovationsrat (EIC) wurde geschaffen, um diese Herausforderung anzugehen, doch er bleibt strukturell von den lokalen Innovationsökosystemen abgekoppelt. Trotz Botschaftern und nationalen Kontaktstellen verfügt der EIC über keine permanente operative Präsenz in den einzelnen Mitgliedstaaten.
Vielversprechende Ideen erhalten dadurch in frühen Phasen oft nicht die rechtliche, technische und kommerzielle Unterstützung, die sie bräuchten. Viele gehen verloren. Andere werden von aussereuropäischen Akteuren identifiziert und übernommen, die ihren Wert früher erkennen. Europa mangelt es nicht an Bewertern. Es mangelt an Machern.
Ein neu gedachter EIC sollte einen klaren und praktischen Auftrag haben: innovative Geschäftsideen dort aufzuspüren, wo sie entstehen, sie in tragfähige Unternehmen zu überführen, zu inkubieren und ihr Wachstum auf europäischer Ebene zu begleiten. Dafür braucht es kleine, spezialisierte Teams, die lokal in jedem Mitgliedstaat tätig sind – mit dem Mandat, Projekte nicht nur zu fördern, sondern aktiv mitzugestalten.
Wenn Europa seine Skalierungslücke ernsthaft schliessen will, muss es bereit sein, neue institutionelle Modelle zu erproben. Die Schweiz ist gut positioniert, dabei eine konstruktive Rolle zu spielen – nicht als Konkurrentin der Europäischen Union, sondern als Partnerin, die eine umsetzungsorientierte Innovationssteuerung erproben kann.
Der Vorschlag ist bewusst einfach und bescheiden: Die Schweiz könnte vierköpfige Innovations-Scouting-Teams in den EU-Mitgliedstaaten einsetzen. Diese Teams würden eng mit nationalen Behörden, Universitäten, Start-ups, KMU und EU-Stellen zusammenarbeiten. Ihre Aufgabe: vielversprechende Ideen frühzeitig identifizieren, ihre rechtliche und kommerzielle Strukturierung unterstützen und sie für ein europäisches Wachstum in einem zentraleuropäischen Hub verankern.
Es geht nicht um ein extraktives Modell. Geistiges Eigentum, Unternehmensregistrierung und Wertschöpfung sollen, wo immer möglich, im Ursprungsland verbleiben. Die Schweiz würde einen Proof-of-Concept betreiben – und erproben, wie Geschwindigkeit, Koordination und Risikobereitschaft institutionalisiert werden können. Das Ziel ist institutionelles Lernen, nicht institutioneller Wettbewerb.
Der Vorteil der Schweiz liegt in ihrer Fähigkeit, schnell zu handeln, öffentliche und private Akteure effizient zu koordinieren und neue Modelle ohne übermässige Bürokratie zu testen. Richtig eingesetzt, könnte diese Kapazität Europas übergeordneten strategischen Interessen dienen: durch stärkere Innovationsbindung, weniger Abhängigkeit von aussereuropäischen Ökosystemen und eine höhere Rendite auf öffentliche Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen.
Europa verfügt bereits über das Talent, die Kreativität und die wissenschaftliche Tiefe, um global zu führen. Was fehlt, ist eine kohärente Struktur, die Ideen mit Tempo, Massstab und Verantwortlichkeit in Märkte überführt.
Innovationsagenturen zu reformieren, Umsetzungskapazitäten zu stärken und neue Steuerungsmodelle zu erproben, sind keine technokratischen Details – es sind strategische Imperative. Behandelt Europa Innovation weiterhin vorwiegend als Förderübung statt als Wertschöpfungsprozess, wird es eine Ideenquelle bleiben, aus der andere schöpfen.
Europa kann es besser. Doch dazu braucht es institutionellen Mut: die Bereitschaft, schneller zu handeln, kalkulierte Risiken einzugehen und Systeme aufzubauen, die wissenschaftliche Exzellenz in wirtschaftliche Stärke verwandeln.
Ricardo Nogueira Martins (Luzern, 1990) ist Leiter der Abteilung für Nachhaltigkeit bei der Stadtverwaltung von Lousada in Portugal, Forscher am Forschungszentrum für Kommunikation und Gesellschaft der Universität Minho sowie regionaler Ansprechpartner für junge Fachkräfte bei der IUCN WCPA Europe. Zudem ist er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Schweizer Nachhaltigkeitsorganisation PlusPoint.
Er verfügt über eine Executive-Qualifikation in Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung der Porto Business School sowie über einen MSc in Geografie, Planung und Territorialmanagement, ein Postgraduierten-Diplom in EU-Politik und territorialer Zusammenarbeit und einen Master-Abschluss in strategischem Innovationsmanagement der Universität Minho.
Seine beruflichen und wissenschaftlichen Interessen konzentrieren sich auf EU-Politik, internationale Beziehungen, Umweltdiplomatie, territoriale Governance, Naturschutz, territoriale Zusammenarbeit, Innovation und nachhaltige Entwicklung.
Seine Expertise im Bereich der territorialen Zusammenarbeit konzentriert sich insbesondere auf die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik, mit einem Schwerpunkt auf der Stärkung des Naturschutzes, des menschlichen Wohlergehens und der Innovation.