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Der politische Mythos vom schwachen Europa

Wer Europa für schwach hält, schwächt es. Die Politikwissenschaftlerin Mila Moshelova zeigt, wie das Narrativ vom schwachen Europa Vertrauen untergräbt und welche Rolle Unternehmen dabei spielen können, ihm etwas entgegenzusetzen.

Der Personenkult um Stalin wurde nach seinem Tod demontiert. In jüngerer Zeit wird er wieder selektiv bemüht, um aktuelle Debatten zu prägen, während die Repression kleingeredet wird. Seine Geschichte erinnert daran, dass Machtmissbrauch nicht allein auf Gewalt beruht. Er wird ermöglicht durch Gleichgültigkeit, eine Kultur der Schmeichelei und politische Mythen, die politische Systeme von der Autorität der Werte zum Wert der Autorität verschieben. Das Abgleiten ins Autoritäre ist immer auch ein erzählerischer und psychologischer Prozess.

 

Diese Mechanismen sind keine Relikte der Geschichte. Sie wirken auch heute, und sie können selbst verschuldet sein. Ein Beispiel dafür ist das Narrativ vom «schwachen Europa», das sich durch politische Debatten und die öffentliche Diskussion zieht.

 

Dass junge Demokratien sich vom liberalen Modell entfernen und autoritärer werden, ist in Europa bereits Realität. Die eigentliche Herausforderung ist heute aber nicht nur institutioneller, sondern auch erzählerischer Natur. Der politische Mythos vom schwachen Europa verweist auf ein tieferes Risiko: Die gefährlichste Krise, die Europa treffen könnte, ist der Verlust des Glaubens an sich selbst. Dieser Mythos kann grundlegend verändern, wie Europäerinnen und Europäer ihre eigene politische Wirklichkeit wahrnehmen.

 

Antieuropäische Narrative richten sich gegen Pluralismus, Vielfalt und individuelle Freiheiten und deuten damit Europas zentrale Stärken zu Schwächen um. Krisenszenarien und Revanche-Rhetorik gehören zum festen Repertoire politischer Kampagnen, die Demokratie und EU als Ursache von Niedergang oder Verrat darstellen.

 

Akteure, die im Kern antipluralistisch denken, definieren neu, wer zur demokratischen Gemeinschaft gehören kann und soll. Begriffe wie «wirtschaftlicher Selbstmord», «liberaler Faschismus» oder «zivilisatorische Selbstzerstörung» bieten keine Lösungen an. Sie sind Teil einer gezielten Strategie. Sprache prägt, wie wir die Wirklichkeit verstehen. Sie bestimmt, wie wir denken, fühlen und handeln.

 

Solche Narrative zielen nicht nur darauf, politische Mehrheiten zu verschieben. Sie untergraben Vertrauen und säen Zweifel, Unsicherheit und Angst. Wo Vertrauen fehlt, schwindet auch die Zuversicht, Probleme lösen zu können, als Einzelne wie als Gesellschaft. Wer sich selbst nicht als handlungsfähig erlebt, ist kaum bereit, individuelle Rechte und demokratische Freiheiten zu verteidigen. Wird zudem die Erinnerung an Europas totalitäre Vergangenheit im politischen Diskurs infrage gestellt, verharmlost oder ausgeblendet, entsteht ein Wertevakuum.

 

Unternehmen können den sozialen und psychologischen Folgen von Misstrauen direkt entgegenwirken, indem sie in die politische Bildung ihrer Mitarbeitenden investieren. Schon ein einziger Besuch an einem Ort der Repression, etwa einem ehemaligen Lager oder Geheimgefängnis, kann zeigen, wie politische Mythen entstehen, wie Konformität erzeugt wird und warum demokratische Institutionen bei allen Mängeln der beste Schutz vor Tyrannei bleiben.

 

Darüber hinaus können Unternehmen NGOs unterstützen, die sich der politischen Bildung von jungen Menschen und Erwachsenen widmen. So vervielfachen sie deren Wirkung und investieren in die Bürgerinnen und Bürger von morgen. Viele Unternehmen behandeln öffentliche Positionsbezüge zu demokratischen Werten noch immer als Frage der Reputation statt als Kernaufgabe. Damit unterschätzen sie, wie viel sie zu gesellschaftlichem Vertrauen und demokratischer Widerstandskraft beitragen könnten.

 

Wer den Versuchen, Europa zu schwächen, wirksam begegnen will, muss die eigenen Annahmen überdenken. Die eigentliche Krise besteht darin, sich nicht anzupassen und zu glauben, es gebe keine Alternative oder Stabilität sei nur um den Preis grundlegender Freiheiten zu haben.

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Zur Person

Mila Moshelova

Mila Moshelova ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Mitgründerin der Beratungsfirma Decogito in Sofia. Sie berät demokratische Akteure zu politischen Risiken, Strategie und Kommunikation im Umgang mit illiberalen Herausforderungen. Ihre Arbeit befasst sich mit radikalen Diskursen und der Rolle autoritärer Nostalgie in der illiberalen Politik.

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