
Meinungsbeitrag
Als Russland im Jahr 2022 seinen umfassenden Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, wurden europäische Entscheidungsträger mit einer Verwundbarkeit konfrontiert, die sie lange lieber übersehen hatten. Vor dem Krieg stammten rund 45 Prozent des in der EU verbrauchten Erdgases aus Russland.
Europas Abhängigkeit von russischem Gas und Öl erwies sich als strukturelle Schwäche im Kern des kontinentalen Wohlstands. Als Russland Energieexporte als Waffe einsetzte, brach die Illusion der Stabilität zusammen. Energiesicherheit und Geopolitik waren fortan untrennbar miteinander verbunden.
Europas Reaktion war entschlossen. Im Rahmen des REPowerEU-Plans diversifizierte die EU ihre Energieversorgung, weitete die Einfuhr von Flüssigerdgas aus und trieb den Ausbau erneuerbarer Energien voran. Die Importe russischen Pipelinegases sanken zwischen 2021 und 2025 deutlich und wurden teilweise durch erhöhte Lieferungen aus Partnerländern wie den Vereinigten Staaten und Norwegen ersetzt. Gleichzeitig intensivierte Europa seine Investitionen in Solar- und Windenergie und baute die Pläne für grünen Wasserstoff und Elektrifizierung aus.
Doch wer einen externen Lieferanten durch einen anderen ersetzt, bleibt volatilen Märkten und geopolitischen Verwerfungen ausgesetzt. Die eigentliche strategische Antwort liegt in der Transformation der europäischen Energiestruktur selbst.
Genau hier wird der Europäische Green Deal entscheidend. Oft vorwiegend als Umweltinitiative wahrgenommen, steht er zunehmend für eine umfassendere Strategie wirtschaftlicher Resilienz und strategischer Autonomie. Erneuerbare Energien verändern die Geopolitik der Stromerzeugung grundlegend: Wind, Solar und andere saubere Quellen lassen sich weder über Versorgungswege als Druckmittel einsetzen noch von einer kleinen Gruppe von Exportstaaten kontrollieren. Bereits 2024 stammte fast die Hälfte des europäischen Strommixes aus erneuerbaren Quellen; Wind und Solar allein erzeugten 2025 rund 30 Prozent des Stroms.
Die Transformation bringt jedoch eine zentrale Herausforderung mit sich: den Ausgleich zwischen etablierten fossilen Industrien und Wirtschaftsinteressen einerseits und dem Endziel des Green Deal bis 2050 andererseits — sowie die Frage, wie Mitgliedstaaten, die bei der Umsetzung hinterherhinken, zur Einhaltung bewegt werden können. Länder wie Italien und Polen, die zu den Schlusslichtern im Block in Sachen Luftqualität gehören, verdeutlichen das Risiko: Nachsicht heute könnte morgen zu geopolitischen Rissen führen — eine Frage der Sicherheit.
Europa zu stärken bedeutet deshalb, die Energiewende als strategisches Projekt zu begreifen. Politische Entscheidungsträger müssen den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen, in Elektrifizierung investieren und kritische Lieferketten sichern — während Unternehmen und Innovatoren die Entwicklung neuer Technologien vorantreiben. Energieunabhängigkeit ist kein rein ökologisches Ziel mehr. Sie wird zum Fundament von Europas Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und langfristigem Wohlstand.
Daniel Harper ist freischaffender Journalist und Kommunikationsfachmann mit Schwerpunkt auf Geopolitik und EU-Politik. Er hat aus Chile, der Ukraine und verschiedenen EU-Ländern berichtet und dabei unter anderem für The Guardian, Al Jazeera, Euronews und Politico geschrieben.