Perspective Meet-Up Forvis Mazars 02.09.2026

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Wie Schweizer KMU sich geopolitisch unentbehrlich machen

Am 2. September 2026 lud unser Platinpartner Forvis Mazars in Switzerland zusammen mit Lucerne Dialogue über vierzig Führungskräfte von Westschweizer KMU nach Lausanne. Die Leitfrage: Wie können Schweizer Unternehmen in einem zunehmend instabilen geopolitischen Umfeld navigieren?

Spannungen zwischen den USA und Iran, Russlands Invasion in die Ukraine, der Gaza-Krieg: Seit 2020 schraubt sich das geopolitische Risikoniveau nach jeder Zuspitzung weiter empor, und seit der Finanzkrise entfernen sich die Länder nach langer Annäherung wieder voneinander. Dahinter steht die Erosion des Multilateralismus. An die Stelle eines Systems, in dem Regeln für weitgehend alle galten, tritt eine multipolare und multivektorielle Ordnung: Institutionen verlieren an Bindungskraft, die USA, China und die EU konkurrieren um Einfluss, während Indien, die Golfstaaten oder Brasilien sich zwischen den Blöcken positionieren. Koalitionen entstehen situativ und zerfallen ebenso rasch.

Regeln und Rohstoffe als Machtinstrument

Wo verbindliche Regeln fehlen, entsteht eine Ökonomie der Abhängigkeiten: Marktzugang, Rohstoffe, Technologie und Transportwege werden zu Verhandlungsmasse. Am sichtbarsten ist das im Handel. Protektionismus zeigt sich längst nicht mehr primär in Zöllen, sondern in Importquoten, technischen Normen und Investitionskontrollen; Industriepolitik ist vom Kriseninstrument zum Mittel strategischer Positionierung geworden, wobei rund 70 Prozent der Massnahmen heute von entwickelten Volkswirtschaften ausgehen.

Noch unmittelbarer wirkt der Zugriff auf Rohstoffe: Bei den Seltenen Erden entfallen über 80 Prozent der Förderung und über 90 Prozent der Verarbeitung auf China – wobei diese Macht auf tönernen Füssen steht, denn der industriellen Schlagkraft stehen schwache Binnennachfrage und eine Immobilienkrise gegenüber. Auch technologisch sichern sich Staaten ab: Exportbeschränkungen, Datenlokalisierung und staatliche KI-Projekte zielen auf Kontrolle darüber, wie künstliche Intelligenz entwickelt und eingesetzt wird, und Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen tragen oft staatliche Handschrift. Selbst die Geografie wird zum Instrument: Maritime Nadelöhre und Sanktionsregime machen aus regionalen Konflikten globale Ereignisse, spürbar in Lieferketten und Preisen.

Das Schweizer Dilemma: zu offen, zu klein

Mit einer Handelsoffenheit von rund 150 Prozent des BIP ist die Schweiz diesen Verschiebungen stärker ausgesetzt als fast jede andere Volkswirtschaft, zugleich aber zu klein, um Regeln zu definieren. Als grösste Verwundbarkeit galt in der Diskussion denn auch nicht die Rohstoffabhängigkeit, sondern dass die Schweiz Normen übernehmen muss, die andernorts entstehen – jene der EU als wichtigstem Partner eingeschlossen.

 

Handlungsspielräume für Schweizer KMU

Was also können Unternehmen konkret tun? Aus Keynote und Podium kristallisierten sich vier Spielräume heraus.

Erstens die Steuerung. Massgeblich ist heute nicht die Marge, sondern die Liquidität: Längere Zahlungsfristen und Kundenausfälle schlagen unmittelbar durch, der Planungshorizont ist von drei Jahren auf sechs Monate geschrumpft. Entscheidend ist deshalb nicht, Abweichungen vom Budget zu überwachen, sondern zu wissen, worauf die Planung beruht – Zollsatz, Zahlungsfrist, Wechselkurs – und was passiert, wenn eine dieser Grössen kippt.

Zweitens die Lieferkette. Statt Resilienz, verstanden als Anpassungsfähigkeit, sei Robustheit gefragt: eine Lieferkette, die hält. Das verschiebt die Beschaffung von der Preisoptimierung zu qualitativen Kriterien. Ist der Lieferant verlässlich, liefert er termingerecht, sind die Kosten im Voraus bekannt? Dazu kommt die Diversifizierung von Märkten und Kunden, die allerdings Zeit und Kapital bindet.

Drittens die Governance. Ein mittelgrosses Unternehmen kann sich keine Geopolitik-Abteilung leisten, wohl aber einen aktiven Verwaltungsrat, der institutionelle Risiken als Strategieaufgabe versteht und informiert und neugierig bleibt.

Viertens die eigene Position. Zölle treffen nicht primär Pharma oder Uhrenindustrie, sondern das industrielle Gewebe der KMU. Deren Antwort liegt weniger in der Grösse als in der Unentbehrlichkeit: Wo ein Kunde den Lieferanten nicht ohne Weiteres wechseln kann, weil dieser Präzision, Verlässlichkeit oder Nischenprodukte liefert, trägt er auch einen Zollaufschlag mit. Aufbauen lässt sich das etwa in der Wassertechnologie, bei gebäudeintegrierter Photovoltaik oder im Batterierecycling.

Von der Politik erwarteten die Anwesenden vor allem Rahmenbedingungen: digitale Souveränität im öffentlichen Beschaffungswesen, die Schliessung der Finanzierungslücke vom Labor zur Industrie und eine KMU-taugliche Exportförderung. Was Politik nicht liefern kann, ist Tempo – Entscheidungsprozesse verlaufen langsamer als die Geopolitik. Die unternehmerische Konsequenz? Nicht warten, sondern selbst vorangehen.

 

Sich gut vernetzen

Der am schnellsten umsetzbare Rat des Abends war zugleich der schlichteste: sich mit den richtigen Menschen umgeben. Wer die eigenen Annahmen prüfen will, braucht andere, die einen Lieferantenwechsel, eine Markterschliessung oder eine Zollrunde bereits hinter sich haben. Dort setzen auch die beiden Formate an, die Marcel Stalder, Präsident von Lucerne Dialogue, zum Abschluss vorstellte: das European Economic Forum, die jährliche Wirtschaftskonferenz in Luzern, die Wirtschaft konsequent im geopolitischen Kontext verhandelt, und das Netzwerk Friends, ein vertraulicher Rahmen für den Austausch unter Unternehmerinnen und Unternehmern.

Wie viel ein solcher Rahmen leistet, hat der Abend in Lausanne selbst gezeigt. In der Romandie, so die Beobachtung des Gastgebers zu Beginn, seien die Wege kurz, die Netzwerke aber wenig verbunden. Umso wichtiger, dass Forvis Mazars in Switzerland über vierzig Führungskräften Gelegenheit bot, gemeinsam ein Thema zu beleuchten, das strategisch hochbedeutsam ist, im Tagesgeschäft aber oft untergeht.

Zur Person

Viktoria Hug

Head of Communication, Lucerne Dialogue

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