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Am European Economic Forum 2025 von Lucerne Dialogue stellte mir ein Unternehmer aus der Möbelbranche eine Frage, die mich seither nicht loslässt: «Wie wirkt sich ein Cyberangriff auf das Gesundheitswesen eigentlich auf mein Unternehmen aus?»
Es war keine naive Frage. Es war die richtige.
Gesundheit ist heute längst nicht mehr nur eine soziale Dienstleistung oder ein Posten im Staatshaushalt. Sie ist demokratische Infrastruktur. Wenn Krankenhäuser durch Ransomware lahmgelegt werden, wenn Gesundheitsdaten durch intransparente KI-Systeme fliessen, die ausserhalb europäischer Kontrolle betrieben werden, oder wenn klinische Entscheidungen zunehmend von Technologien abhängen, die nur wenige Institutionen wirklich verstehen, dann reichen die Folgen weit über die Patient:innen hinaus. Vertrauen erodiert. Produktivität leidet. Gesellschaftlicher Zusammenhalt gerät ins Wanken. Und demokratische Legitimität wird leise untergraben. Was in solchen Momenten verloren geht, ist nicht nur Sicherheit, sondern auch die Gesundheitsdividende selbst: jene sich verstärkenden wirtschaftlichen und sozialen Erträge, die aus resilienten, vertrauenswürdigen Gesundheitssystemen entstehen.
Europa hat massiv in die Regulierung von künstlicher Intelligenz und Datenschutz investiert. Doch Regulierung allein schafft keine Resilienz. Was fehlt, ist Governance-Fähigkeit: die institutionelle Kapazität, Gesundheitsdaten und KI-Systeme als kritische öffentliche Güter zu steuern – in einem Zeitalter wachsender Unsicherheit und rasanter technologischer Beschleunigung. Der Wohlfahrtsstaat wurde einst geschaffen, um Bürger:innen vor Krankheit und sozialen Risiken zu schützen. Heute muss dieses Versprechen neu interpretiert werden für eine Welt, die von Dual-Use-Technologien, Cyberbedrohungen und KI-Systemen geprägt ist – und deren Fehlfunktionen schneller skalieren als unsere Institutionen reagieren können.
Gesundheits-KI wird oft als Frage von Innovation oder Effizienz diskutiert. In Wahrheit ist sie eine Frage der Demokratie. Wer setzt die Regeln? Wem gehört die Infrastruktur? Wer bleibt verantwortlich, wenn Systeme versagen? In hochsensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen zählt Verlässlichkeit mehr als Geschwindigkeit. Menschliches Urteilsvermögen lässt sich nicht folgenlos durch Automatisierung ersetzen. Menschliche Intelligenz muss bewusst «im System» bleiben – nicht als Bremse des Fortschritts, sondern als Voraussetzung für Vertrauen, Sicherheit und Legitimität.
Europas Stärkung erfordert daher mehr als bessere Algorithmen oder strengere Compliance-Vorgaben. Sie verlangt, Gesundheitsdaten und KI als demokratische Infrastruktur zu begreifen: durch Investitionen in öffentliche Steuerung, in Cyberresilienz als Teil der Patientensicherheit und in langfristige institutionelle Kompetenz statt kurzfristiger Pilotprojekte. Die Politik muss sich von reiner Krisenbewältigung lösen. Führungskräfte im Gesundheitswesen müssen ihre Rolle als Hüter sicherer Systeme zurückgewinnen. Und auch Unternehmen – selbst jene fernab des Gesundheitssektors – müssen anerkennen, dass Gesundheitssicherheit untrennbar mit wirtschaftlicher und geopolitischer Stabilität verbunden ist.
Europas Stärke wird sich nicht daran messen, wie schnell es KI einführt, sondern daran, wie klug es sie regiert.
Anca del Río, Strategin für Gesundheitssysteme & KI-Governance bei EIT Health und Lucerne Dialogue Fellow 2025 schreibt und berät an der Schnittstelle zwischen Innovation im Gesundheitswesen, digitaler Gesundheitsvorsorge und KI-Governance und verbindet dabei Ziele der öffentlichen Gesundheit mit technologiegestützten Realitäten. Mit ihrer Arbeit in den Bereichen digitale Transformation und Gesundheitspolitik unterstützt sie Regierungen, multilaterale Institutionen und Branchenführer dabei, Innovation mit öffentlichem Nutzen, messbarer Wirkung und Systemstabilität in Einklang zu bringen und gleichzeitig die menschliche und demokratische Handlungsfähigkeit im Gesundheitswesen und im Bereich der KI zu gewährleisten.
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At the European Economic Forum 2025 by Lucerne Dialogue, a furniture business owner asked me a question that has stayed with me: “How does a cyberattack on healthcare affect my business?”
It was not a naïve question. It was the right one.
Healthcare today is no longer just a social service or a budget line. It is democratic infrastructure. When hospitals are paralysed by ransomware, when health data flows through opaque AI systems hosted beyond Europe’s control, or when clinical decisions increasingly rely on technologies few institutions truly understand, the impact extends far beyond patients. Trust erodes. Productivity falters. Social cohesion weakens. And democratic legitimacy is quietly undermined. What is lost in such moments is not only security, but the health dividend itself: the compounding economic and social returns that flow from resilient, trusted health systems.
Europe has invested heavily in regulating artificial intelligence and data protection. Yet regulation alone does not create resilience. What we lack is governance capability: the institutional capacity to steward health data and AI systems as critical public goods in an age of insecurity and technological acceleration. The welfare state was designed to protect citizens against illness and social risk. Today, that promise must be reinterpreted for a world shaped by dual-use technologies, cyber threats, and AI systems whose failures scale faster than our institutions.
Health AI is often framed as a question of innovation or efficiency. In reality, it is a question of democracy. Who sets the rules? Who owns the infrastructure? Who remains accountable when systems fail? In high-stakes domains like healthcare, reliability matters more than speed, and human judgement cannot be replaced by automation without consequence. Human intelligence must remain intentionally in the loop – not as a brake on progress, but as a condition for trust, safety, and legitimacy.
Strengthening Europe therefore requires more than better algorithms or stricter compliance. It requires treating health data and AI as democratic infrastructure: investing in public stewardship, cyber resilience as patient safety infrastructure, and long-term institutional capability rather than short-term pilots. Policymakers must move beyond crisis governance. Health leaders must reclaim their role as stewards of safe systems. And businesses (including those far removed from healthcare) must recognise that health security is inseparable from economic and geopolitical stability.
Europe’s strength will not be measured by how fast it adopts AI, but by how wisely it governs it.
Anca del Río, Health Systems & AI Governance Strategist at EIT Health and Lucerne Dialogue 2025 Fellow writes and advises at the intersection of health systems innovation, digital health foresight and AI governance, connecting public health goals with tech-powered realities. Working across digital transformation and health policy, she supports governments, multilateral institutions and industry leaders in aligning innovation with public value, measurable impact and system resilience while safeguarding human and democratic agency in health and AI.